Was tun, wenn Überforderung der Angehörigen zu Gewaltsituationen führt?

Pflegestress kann dann entstehen, wenn pflegende Angehörige rund um die Uhr für die Betreuung verantwortlich sind. Besonders schwierig ist es, wenn betroffene Personen Hilfe in allen Verrichtungen des täglichen Lebens benötigen. Viele Angehörige unterschätzen diese Belastung und im Verlauf der Zeit verlieren sie möglicherweise die nötige Distanz. Wenn die Pflege hauptsächlich von einer Person abhängig ist, wird die Last unter Umständen irgendwann zu gross – und der Druck entlädt sich in Aggressionen. Übergriffe durch Gewalt sind mit Scham und Schuldgefühlen verbunden. In unserer Gesellschaft sind sie oft ein Tabu.

 

Menschen, die häusliche Gewalt erleben, vertrauen sich nur selten Dritten an. Leiden die Opfer auch unter einer Aphasie (Sprachliche Schwierigkeiten), ist die Hürde, sich Gehör zu verschaffen und Hilfe zu erhalten, meist noch höher. Viele Betroffene befürchten in dieser Situation, dass sie von den pflegenden Angehörigen noch mehr gepeinigt werden könnten, wenn sie sich Dritten anvertrauen, und lassen darum entwürdigende Behandlungen über sich ergeben. Es kommt auch vor, dass Betroffene Hilfe von aussen ganz ablehnen, weil sie befürchten, sogleich in ein Heim eingewiesen zu werden.

 

Drittpersonen, die Misshandlungen in ihrem Umfeld vermuten, verschliessen häufig die Augen vor der Situation. Sie möchten keinen Konflikt provozieren, stellen vielleicht ihre Beobachtungen in Frage oder wollen sich nicht in die Privatsphäre einmischen. 

 

Lösungen gibt es auf beiden Seiten: Einerseits ist es wichtig, dass sich die pflegenden Angehörigen entlasten – damit der so genannte Pflegestress gar nicht erst entsteht oder reduziert wird. Auf der anderen Seite braucht die betroffene Person Unterstützung. In jedem Fall soll professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.