Mit dem Elektrorollstuhl Treppen steigen

Am Cybathlon treten «Pilotinnen und Piloten» mit motorbetriebenen Hilfsmitteln an. FRAGILE Suisse nahm einen Augenschein an den Proben.


Text und Fotos: Damian Gysi


«In fünf Minuten beginnt der nächste Wettkampf», schallt es durch die Stadionlautsprecher in der Swiss Arena Kloten. Die Teams des «Powered Arm Prosthetics Race» nehmen ihre Plätze hinter der Startlinie ein. Sie absolvieren die Proberennen, welche die Veranstalter des Cybathlons im Juli 2015 in Kloten durchgeführt haben.

 

Ein Tablett durch die Tür tragen

Die Piloten dieses Wettkampfs, so werden die Teilnehmenden hier genannt, verfügen über eine elektronische Unterarmprothese. Patrick Mayrhofer aus Wien startet auf einer der fünf Bahnen. Mit Tempo und Sportsgeist tritt er gegen die internationale Konkurrenz an. Die Aufgaben des Parcours sind Szenarien aus dem Alltag nachempfunden. An einem Posten gilt es, Gegenstände aus einem Regal auf ein Tablar zu räumen, damit durch eine Tür zu schreiten, dieses auf einen Tisch zu stellen und danach eine Scheibe Brot abzuschneiden.


Auch feinmotorische Fähigkeiten werden den Piloten abverlangt, zum Beispiel beim Auspacken eines Zuckerwürfels. Patrick Mayrhofer meistert den Parcours sehr rasch, die Konkurrenten sind ihm dicht auf den Fersen. Beim Öffnen einer Konservendose aber entscheidet es sich: Der Österreicher hat keine Probleme, eilt weiter zum nächsten Posten und setzt sich so vom Australier ab, der noch immer mit dem Dosenöffner kämpft. Sein Team spricht ihm Ruhe und Konzentration zu, doch die Dose bremst ihn aus. Zum Glück zählt in diesem Wettkampf nicht allein die Geschwindigkeit, sondern das erfolgreiche Bewältigen der Aufgaben. Hinter der Ziellinie löst sich die Anspannung, die Piloten freuen sich und werfen sich in Siegerposen.

Bild eines Rollstuhl-Piloten
Mit dem Elektrorollstuhl überwinden die Piloten sogar Treppenstufen und andere Hindernisse.

Mit Hirnströmen Figuren steuern

Am Nachmittag der Proben läuft das dichte Programm weiter. Es folgt der Parcours für Elektrorollstuhl-Piloten. In diesen überwinden die Teilnehmenden sogar Treppenstufen und andere Hindernisse. Das «Brain Computer Interface Race» ist ein Rennen, in dem Teilnehmer eine computeranimierte Figur allein durch ihre Hirnströme durch einen virtuellen Parcours steuern. Auf vier grossen Bildschirmen mittig über dem Spielfeld ist die 3-D-Animation zu sehen, die an ein buntes Videospiel erinnert.


Die vier Piloten bestreiten soeben das Finale. Sie sind über Elektroden an ihren Köpfen mit den Rechnern verbunden, ein Technikerteam umgibt jeden Piloten. Der Startschuss fällt. Die Piloten sind fokussiert, kaum eine Bewegung ist zu sehen. Auf dem Bildschirm aber bewegen sich die Figuren durch eine animierte Welt in einer grünen, roten, grauen und gelben Zone. «In jeder Zone musste ich andere Aufgaben lösen», erklärt später Sebastian Reul, ein 26-jähriger Teilnehmer aus Deutschland. Er sitzt seit einem Autounfall im Rollstuhl und hat nur noch sehr wenig Kraft in den Armen. «Ich wurde kurzfristig angefragt, ob ich mitmachen will. Da musste ich nicht lange überlegen.» Dieser Wettkampf eröffne ihm viele Möglichkeiten, neue Kontakte und den Austausch mit anderen.


«Diese Disziplin zwingt mich, klar zu denken, man muss den richtigen Befehl geben, damit die Figur auf dem Bildschirm das Richtige macht – an nichts zu denken, wie dies im grauen Bereich gefordert ist, klingt übrigens leichter, als es ist», sagt Reul. Ebenfalls schwierig sei es, während des Rennens alles rundherum auszublenden und sich nicht ablenken zu lassen. Damit der Computer die Befehle korrekt verarbeiten kann, muss das Team die Befehlseingabe jedes Teilnehmers individuell «kalibrieren».
  

Geräte für den Alltag verbessern

Am Rande der Parcours tauschen sich Wissenschaftler der ETH und Vertreter von Firmen aus, die Geräte herstellen und teilweise auch Teams betreuen. Sie verfolgen die Proben aufmerksam, prüfen und vergleichen laufend die Hilfsmittel. Aufmerksam verfolgen sie die Rennen und suchen noch vor Ort nach Verbesserungsmöglichkeiten – stets mit dem Ziel, die Geräte für den Alltagsgebrauch besser zu machen.

 

 

Teilnehmender des Brain Computer Interface Race
Sebastian Reul steuert eine computeranimierte Figur allein durch seine Hirnströme durch einen virtuellen Parcours.

Weitere Informationen

www.cybathlon.com