Sie ist angekommen im neuen Leben

Wenn Stefanie F. heute sagt: «Mir geht es gut», ist das ein Satz, den sie sich über Jahre erarbeitet hat. Fünf Jahre nach ihrer Hirnverletzung durch einen Velounfall kann sie sagen: «Ich bin endlich angekommen. Angekommen in meinem neuen Leben.»

Wenn Stefanie F. heute sagt: «Mir geht es gut», ist das ein Satz, den sie sich über Jahre erarbeitet hat. Fünf Jahre nach ihrer Hirnverletzung durch einen Velounfall kann sie…

Das Datum, an dem ihr «altes Leben» endete, kennt sie genau: 9. Mai 2021, Muttertag. Wie jedes Jahr traf sich die Familie bei der Schwester zum Brunch. Gleichzeitig war da diese neue Liebe «am Anbahnen», wie Stefanie sagt. Nach dem Brunch noch aufs Velo, gemeinsam unterwegs sein mit ihrem Date. Ohne Helm. Ausnahmsweise. «Eigentlich trage ich beim Velofahren immer einen Helm. An diesem Tag nicht. Ich hatte eine schöne Frisur gemacht», erzählt die junge Frau. Sie schüttelt den Kopf. An den Unfall selbst hat Stefanie keine Erinnerung. «Ich weiss bis heute nichts mehr.» Ihre letzten Bilder: der Abschied nach dem Brunch, der Aufbruch. Dann – Leere.

Das Erste, was sie wieder bewusst wahrnimmt, ist ein Zimmer voller Geräusche. «Es piepste rundherum.» Stefanie liegt da, in einem Spitalbett, umgeben von Technik. Ihre Mutter schaut sie an. Mit einem Blick, der viel sagt und doch nichts erklärt. Stefanie fragt, was passiert ist. Und fragt wieder. Und wieder. «Am Anfang hatte ich Mühe mit Gefühlen. Ich konnte nichts einordnen.» Der Velounfall bleibt für sie eine Geschichte, die andere ihr berichtet haben. «Für mich war es von Anfang an, wie wenn ich in der Zeitung lese, dass etwas Schlimmes passiert ist.»

Zu laut, zu hell, zu blöd

Dass es knapp war, erfährt sie erst später. «Ich wäre fast gestorben.» Kein sofort verfügbarer Helikopter, ein Sonntag mit vielen Einsätzen, Verzögerungen, bevor die Rega schliesslich kommt. Stefanie war ansprechbar, wollte sogar aufstehen und mit dem Velo heimfahren. Dann kippt die Situation im Regionalspital abrupt: Übelkeit, Erbrechen, Zeichen einer Blutung im Hirn. Von da an geht es schnell, noch einmal Rega, Inselspital, direkt in den Operationssaal. Eine Notoperation entlastet den Druck. Stefanie überlebt. Und dann beginnt das, was nach aussen oft unsichtbar ist: die Zeit danach. Zehn Tage Inselspital, dann Neuro-Reha in Riggisberg. Stefanie beschreibt die erste Zeit mit einem Gefühl, das viele nach einer Hirnverletzung kennen: Reizüberflutung. «Es war mir zu laut, zu hell, zu blöd.» In einem Viererzimmer mit Besuchsverkehr, Stimmen und Bewegung wird aus jeder Minute eine Herausforderung. Dass niemand den Satz sagt, der manchmal entlastet – «das ist typisch nach einer Hirnverletzung » –, das war für sie frustrierend. «Aber mir hat man nichts angesehen. Ich bin normal gelaufen, ich habe ziemlich normal gesprochen.» Genau darin liegt das Dilemma: Wer «normal» wirkt, bekommt oft nicht die Erklärung, die er braucht.

Aus «Ich will nicht» wird ein «Ich kann nicht»

Heute erzählt Stefanie weniger von dem, was alles nicht passte – und mehr von dem, was sie sich in fünf Jahren aneignen und erarbeiten musste, weil es ihr niemand einfach so mitgeben konnte: zu sich selbst schauen und Grenzen setzen. Das klingt schlicht. Aber es ist radikal, wenn man zuvor ein Leben geführt hat, in dem Tempo und Leistung selbstverständlich waren. Zu Hause, in der eigenen Wohnung, wird ihr das Ausmass erst richtig bewusst. Termine wahrnehmen, Therapien absolvieren – das ging. Aber Alltag, Struktur, Antrieb: plötzlich nicht mehr. «Ich war komplett überfordert.» Stefanie beschreibt den Moment, in dem aus «Ich will nicht» ein «Ich kann nicht» wird. Und wie schwer es ist, das nicht als persönliches Versagen zu deuten. «Ich wurde verrückt, weil ich es nicht konnte. Und auch traurig, weil ich sagen musste: Das Kleinste, das vorher gegangen ist, geht nicht mehr.»

Auf ihrem Weg kommen weitere Stolpersteine dazu: Ein Jahr nach dem Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnblutung bricht sie sich den Fuss – ein dreifacher Sprunggelenksbruch, lange Schmerzen, ein weiterer Stillstand.

Beruflich sucht sie lange nach einem Platz, der zu ihrem neuen Energiehaushalt passt. Gastronomie – früher Leidenschaft – wird schwierig, weil sie Verlässlichkeit braucht: feste Zeiten, klare Absprachen, Planbarkeit. «Ich brauche die Struktur.» In verschiedenen Arbeitsversuchen merkt sie immer wieder: Es geht eine Zeitlang – bis etwas Unvorhergesehenes kommt, bis Flexibilität verlangt wird, bis das System wieder auf «mehr» schaltet.

Sozialberatung bei FRAGILE Suisse

«Manchmal muss einen das Leben bremsen», sagt sie nachdenklich. Mit der Erkenntnis, dass Grenzen nicht verhandelbar sind. Stefanies neue Stärke liegt darin, diese Grenzen nicht als Niederlage zu sehen, sondern als Anleitung für ein Leben, das anders organisiert werden muss. Aus dem Kampf, wieder «wie früher» zu funktionieren, entsteht langsam eine Akzeptanz ihrem «neuen Leben» gegenüber.

Dabei helfen ihr auch Menschen und Orte, die nicht auf Tests und Defizite schauen, sondern auf Orientierung. Bei FRAGILE Suisse nutzt Stefanie die Sozialberatung, die sie als «reflektierend» und «auf Sachebene» beschreibt – ein Gegenüber, das beim Sortieren hilft, beim Brainstormen, beim nächsten Schritt.

Heute hat Stefanie eine Arbeitsstelle im Büro eines familiären Land- und Kommunaltechnikbetriebs gefunden, der ihren Bedürfnissen entspricht. «Endlich bin ich angekommen», sagt sie. In einer anderen Branche mit neuen Aufgaben und vor allem genügend Verständnis und Zeit. Stefanie spricht von Zufriedenheit. Sie lässt sich vom Leben leiten und setzt neue Ziele. Kein Karriereziel, sondern einfach das Leben geniessen und darauf vertrauen, dass kommt, was richtig ist.

Nie ohne Helm

Sie will berühren, nicht belehren. Gerne möchte sie künftig etwas zurückgeben: als Peer, als Besucherin auf einer Neuroabteilung, als jemand, der sagen kann: Ich kenne das. Es dauert. Gib dir Zeit. «Wenn mir jemand in dieser Situation gesagt hätte, dass es fünf Jahre dauert … ich glaube, es hätte mir trotzdem gutgetan.»

Stefanie ist nicht «geheilt» im klassischen Sinn. Aber sie ist angekommen – in einem Leben, das nicht mehr auf 200 Prozent setzt. In einem Leben, in dem Ressourcenmanagement nicht ein Trendwort ist, sondern Überlebenskunst. In einem Leben, das langsamer geworden ist und dennoch tiefer.

Und wenn Stefanie am Schluss über Velosicherheit spricht – Helm, Sichtbarkeit, Lichtweste –, dann klingt das nicht nach Kampagne, sondern nach gelebter Konsequenz. Es wirkt anders, wenn es von jemandem kommt, «der etwas erlebt hat damit. Und die Konsequenzen trägt». Stefanie trägt diese Konsequenzen. Aber sie trägt sie aufrecht. Und sie hat gelernt, das Entscheidende nicht im Rückwärtsblick zu suchen, sondern im Vorwärtsgehen – in kleinen, klaren Schritten, die wieder ihr gehören.

Text: Carole Bolliger, Fotos: sinus


Stefanie unterstützt unsere Präventionskampagne und stand für unsere Inserate zur Verfügung. Vielen Dank!

Mehr Infos:

www.fragile.ch/schuetzedeinhirn

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