Herr Fischer, viele Menschen denken, ein Schlaganfall sei ein Schicksalsschlag, den man nicht verhindern kann. Stimmt das?
Nein. Das ist ein grosser Irrtum. Natürlich lassen sich nicht alle Schlaganfälle verhindern und es gibt Risikofaktoren, die wir nicht beeinflussen können – allen voran das Alter. Viele andere lassen sich jedoch sehr gut beeinflussen. Hoher Blutdruck, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, Übergewicht, Bewegungsmangel oder Rauchen erhöhen das Risiko deutlich. Heute wissen wir zudem, dass auch Schlafmangel, chronischer Stress oder Umweltfaktoren wie Hitze eine Rolle spielen können. Mindestens jeder zweite Schlaganfall wäre durch Prävention vermeidbar. Gleichzeitig darf man die Krankheit nicht unterschätzen: Weltweit erleidet laut WHO statistisch jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens einen Schlaganfall.
Welche Warnzeichen werden besonders häufig unterschätzt?
Vor allem die leichteren Symptome. Eine ausgeprägte Halbseitenlähmung oder schwere Sprachstörungen erkennen viele als Notfall. Schwieriger wird es bei einer leichten Gesichtslähmung, kurzen Sprachstörungen oder Sehstörungen. Besonders tückisch ist die sogenannte Streifung, also eine vorübergehende Durchblutungsstörung. Die Symptome verschwinden wieder – und genau deshalb nehmen viele sie nicht ernst.
Was genau ist eine Streifung?
Eine Streifung ist ein Warnschuss. Die Symptome sind die gleichen wie bei einem Schlaganfall, verschwinden aber meist nach fünf bis fünfzehn Minuten wieder. Viele denken dann: «Es ist ja wieder gut.» Das Gegenteil ist der Fall. Ohne rasche Abklärung steigt das Risiko für einen schweren Schlaganfall in den nächsten Stunden oder Tagen deutlich an. Deshalb gilt auch bei einer Streifung: sofort handeln.
Was soll man tun, wenn plötzlich typische Symptome auftreten?
Nicht abwarten, sondern sofort die 144 wählen. Beim Schlaganfall gilt: «Time is brain.» Jede Minute zählt. Je länger ein Hirngefäss verschlossen bleibt, desto mehr Hirngewebe geht unwiederbringlich verloren. Deshalb sollten Betroffene möglichst rasch oder ein Stroke Center gebracht werden. Lieber einmal zu viel den Notruf wählen als einmal zu wenig.
Gibt es einen Risikofaktor, der besonders unterschätzt wird?
Ja – ganz klar der Blutdruck. Viele Menschen, gerade auch Jüngere, wissen gar nicht, dass sie einen erhöhten Blutdruck haben. Deshalb empfehle ich, ihn regelmässig zu messen. Was viele ebenfalls nicht wissen: Die gleichen Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen, erhöhen auch das Risiko für eine vaskuläre Demenz. Wer seinen Blutdruck gut behandelt, schützt also nicht nur sein Herz und sein Gehirn heute, sondern auch seine geistige Gesundheit im Alter.
Was hat sich in der Schlaganfallmedizin in den letzten 20 Jahren am stärksten verändert?
Die Akutbehandlung hat enorme Fortschritte gemacht. Dank Stroke Units und Stroke Centers können verschlossene Hirngefässe heute oft sehr rasch wieder eröffnet werden. Das verhindert bei vielen Betroffenen schwere Behinderungen. Unser Ziel ist nicht nur, Leben zu retten, sondern den Menschen nach einem Schlaganfall ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen.
Trotzdem nimmt die Zahl der Schlaganfälle zu. Weshalb?
Weil unsere Bevölkerung älter wird und die Risikofaktoren im Alter zunehmen. Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor. Gleichzeitig sehen wir aber auch mehr jüngere Betroffene. Ein Schlaganfall kann grundsätzlich jeden treffen. Umso wichtiger ist Prävention.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Schlaganfällen. Hat das Ihren eigenen Lebensstil verändert?
Ja. Ich achte bewusster auf genügend Bewegung, ausreichend Schlaf und kontrolliere regelmässig meinen Blutdruck. Natürlich gelingt nicht immer alles perfekt. Aber ich versuche, die Empfehlungen, die ich meinen Patientinnen und Patienten gebe, auch selbst umzusetzen.
Sie haben im Laufe Ihrer Karriere viele Patientinnen und Patienten begleitet. Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders geblieben ist?
Ja. Besonders eindrücklich war eine junge Lehrerin, die während des Unterrichts einen Schlaganfall erlitt. Ihre Schülerinnen und Schüler erkannten die Symptome sofort und alarmierten den Rettungsdienst. Zwei Wochen zuvor hatten sie im Unterricht gelernt, wie man einen Schlaganfall erkennt. Die Lehrerin konnte rasch behandelt werden und erholte sich sehr gut. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie wichtig Aufklärung ist.
Herr Fischer, wenn man Ihnen zuhört, merkt man schnell: Schlaganfälle sind für Sie weit mehr als ein medizinisches Fachgebiet. Woher kommt dieses Engagement?
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Schlaganfällen und erlebe täglich, was sie für Betroffene und ihre Familien bedeuten. Nach der Akutbehandlung beginnt oft erst der schwierige Teil: der Weg zurück in den Alltag. Deshalb liegt mir auch die Arbeit von FRAGILE Suisse sehr am Herzen. Die Organisation begleitet Menschen mit Hirnverletzungen und ihre Angehörigen dort, wo unser Gesundheits- und Sozialsystem an seine Grenzen kommt. Ich habe zudem in meiner eigenen Familie erlebt, was eine neurologische Erkrankung für alle Beteiligten bedeutet. Das motiviert mich zusätzlich, nicht nur Patientinnen und Patienten zu behandeln, sondern auch Forschung, Prävention und Aufklärung voranzutreiben. Wenn wir verhindern können, dass Menschen überhaupt einen Schlaganfall erleiden oder nach einem Schlaganfall möglichst selbstständig weiterleben können, dann ist das für mich das Schönste an meinem Beruf.
Sie sind seit Mai Präsident der European Stroke Organisation. Das bedeutet viel zusätzliche Verantwortung. Warum tun Sie sich das an?
Weil ich überzeugt bin, dass wir noch viel bewegen können. Ein Schlaganfall ist kein Schweizer Problem, sondern betrifft Menschen auf der ganzen Welt. Als Präsident der European Stroke Organisation kann ich dazu beitragen, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in der Behandlung ankommen, die Prävention gestärkt wird und mehr Menschen Zugang zu einer guten Versorgung erhalten. Forschung allein genügt nicht – sie muss den Patientinnen und Patienten zugutekommen. Genau das motiviert mich.
Was möchten Sie dort bewirken?
Mir ist wichtig, dass wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst rasch bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Gute Forschung allein genügt nicht. Wir müssen dafür sorgen, dass erfolgreiche Behandlungsmethoden in allen Ländern umgesetzt werden. Gleichzeitig braucht es deutlich mehr Prävention und Aufklärung.
Welche Botschaft möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?
Ich möchte niemandem Angst machen, sondern Hoffnung. Ein gesunder Lebensstil lohnt sich – und es ist nie zu spät, damit anzufangen. Und falls doch einmal Symptome auftreten: Zögern Sie nicht. Die Schlaganfallmedizin hat enorme Fortschritte gemacht. Wer rasch handelt, hat heute deutlich bessere Chancen als noch vor wenigen Jahren.
