Eine etwas andere Adventsgeschichte

Wenn die vorweihnachtliche Zeit plötzlich eine ganz andere Bedeutung erhält - ein Erfahrungsbericht von Isabel S.

"Gesellig gemütliche Stunden bei Kerzenlicht, ein Abendspaziergang durch die wunderbar beleuchteten Strassen oder der Besuch eines zauberhaften Weihnachtsmarkts – so stellen wir uns die Adventszeit vor. Vor genau 10 Jahren liess jedoch ein Herzinfarkt für meinen Mann und mich die weihnachtlichen Lichter verblassen und veränderte unser ganzes Leben.

Martin und Isabel S.
"In meiner Hand halte ich einen Tannzapfen des "Giant Sequoias". Wir finden, dieses Bild passt sehr gut zu unserer Geschichte, denn es symbolisiert Kraft, Geduld und Zeit."


Mein Mann war damals 40 und ich 35 Jahre jung und wir waren gerade ein halbes Jahr verheiratet. Wir wünschten uns auch Kinder – doch dann schlug das Leben einen anderen Weg für uns ein. Es war der 9. Dezember 2006. An diesem Tag planten wir einen Besuch im nahen Deutschland bei unserem Trauzeugen und seiner Frau, unseren besten Freunden. Wir waren voller Vorfreude – die sich jedoch auf einen Schlag in Luft auflöste und Schrecken und Lähmung Platz machte.

"Mir ist wahnsinnig schlecht"

Es war ein regnerisch-trüber Samstagnachmittag. Mein Mann Martin sass am Steuerrad und ich auf dem Beifahrersitz. Wir waren schon über die Grenze und warteten an einer Ampel bei Rotlicht. "Mir ist wahnsinnig schlecht", sagte Martin plötzlich. Ich erinnere mich noch genau an diese letzten leisen Worte, bevor Martin neben mir am Steuer bewusstlos zusammenbrach.

 

Was tun? Auch wenn der Schock tief in mir sass, irgendwie hatte ich die Kraft, zu funktionieren. Als hätte ich einen Schutzmantel aus Beruhigungsmitteln um mich: Auto sichern, die anderen Autofahrer um Hilfe bitten. Eine Fussgängerin, die auf dem Trottoir das Geschehen beobachtet hatte, kam zu mir. Sie verstand mich ohne Worte und leitete bei meinem Mann sofort eine Herzdruckmassage ein. Für ihre grosse Hilfe erhielt sie später von der Polizei die Auszeichnung „Kavalier der Strasse“. Für uns war und ist sie ein wahrer Schutzengel.

Die längste Nacht meines Lebens

Nach einer sehr langen Reanimation im Spital Waldshut wurde mein Mann noch am gleichen Abend mit dem Krankenwagen nach Zürich gebracht. Die Ärzte sprachen sehr einfühlsam mit mir und sagten ehrlich, dass sie nicht wüssten, ob mein Mann die Nacht überleben würde. Einige Menschen schöpfen in solch schwieriger Zeit in der Stille ihre Kraft, andere wiederum möchten lieber in der Gesellschaft bester Freunde sein. Persönlich brauchte ich beides. Es war gefühlt die längste Nacht meines Lebens.

 

Mein Mann überlebte, lag aber im Koma. Niemand wusste, wann er daraus erwachen würde. Sein Gehirn war durch den Sauerstoffmangel geschädigt worden. Meine damalige Arbeitslosigkeit, die uns zuvor als belastend vorkam, erwies sich in dieser Situation plötzlich als Vorteil: So konnte ich jeden Tag zu Martin fahren, wofür ich sehr dankbar war.

Vor lauter Glück den Tränen nahe

Nach etwa anderthalb Wochen wurde mir mitgeteilt, dass mein Mann aus dem Koma aufgewacht sei. Doch ich wusste nicht, ob er mich wiedererkennen würde, und dieser Gedanke bereitete mir grosse Angst.

 

Als mein Mann dann auf die Frage des Arztes: „Herr S., kennen Sie diese Person an Ihrem Bett?“ antwortete: „Natürlich, das ist meine Frau!“ war ich vor lauter Glück den Tränen nahe. Er sagte dies lächelnd und in einem Ton, als wollte er sagen: „Was fragt ihr mich denn für seltsame Dinge? Das ist doch sternenklar!“.

Es zeigte sich, dass Martin eine Hirnverletzung im Kurzzeitgedächtnis hat. Nach dem folgenden Spitalaufenthalt und unzähligen Therapien stand Martin also erst am Anfang eines langen Kampfes, der ihm bis heute seine Kräfte raubt, an seinen Emotionen zerrt, viel Geduld benötigt und ihn immer wieder aufs Neue fordert.

Ich fühlte mich verstanden

In der Rehabilitation in Wald im Kanton Zürich stiess ich dann eines Tages auf das Magazin von Fragile Suisse. Ich rief die angegebene Telefonnummer der Helpline an und wurde hervorragend beraten. Ich fühlte mich mit unseren Anliegen und Bedürfnissen verstanden. Auch in der Zeit danach hat mich Fragile Suisse bei allen Fragen tatkräftig unterstützt und beraten.

 

Als Martin nacheinander von zwei Arbeitgebern seine Stelle gekündigt bekam, wandten wir uns erfolgreich ans Zentrum für berufliche Abklärung (ZBA) in Luzern. Dank der Wiedereingliederung kann mein Mann heute wieder Teilzeit arbeiten. Wir sind sehr glücklich, dass wir diese Hilfe bekamen.

Nach wie vor gibt es gute und weniger gute Tage. Wir sind aber vor allem unendlich glücklich und dankbar, dass wir wie durch ein Wunder ein zweites Leben geschenkt bekommen haben. Was gibt es Wertvolleres, als wenn einem so sehr geholfen wird?"